Dr. Jürgen Albers im Gespräch mit Udo Pollmer
Hinweis:
SR2 hat auf seiner Homepage die Sendung als Datei
bereitgestellt. Sie können also die komplette Sendung
sich in Ruhe wieder anhören. >> Sendung mit Udo Pollmer auf SR2

Aufzeichnung aus dem Alten Rathaus am 02.11.2008 um 11.00
Uhr. Für die Sendung stehen 90 Sitzplätze zur
Verfügung. Karten können über die VHS
Völklingen bezogen werden.
Jürgen Albers
Jürgen Albers ist gebürtiger Saarbrücker,
war in den 70er Jahren Vorkämpfer der
saarländischen Mundart-Szene („Es Saarland is e
rischdisches Gärdsche“), trat dann mit
zahlreichen Kabarett-Programmen auf, z.B. „Einfach
irre! Der alltägliche Wahnsinn“. Seit über
20 Jahren arbeitet er auch beim Saarländischen Rundfunk
und ist dort zuständig für Sachbücher:
„Fragen an den Autor“ und
„Bücherlese“ auf SR 2. Außerdem
kümmert er sich um die Sendung „Diskurs“.
Nach dem Studium (Promotion über die
Geschichtsbehandlung in Brechts Dramen) Karate-Trainer,
Gymnasiallehrer, diverse ABM, Journalist.
Dr. Jürgen Albers moderiert seit Jahren die Sendung
„Fragen an den Autor“. Auch zu Themen wie
Genuss, Geschmack und Ernährung hatte er schon
spannende Gäste eingeladen. Ein weiterer interessanter
Gast erwartet die Zuhörer am 02.11.2008 im Alten
Rathaus in Völklingen.
Denn kein Geringerer als Udo Pollmer, der
streitbare Lebensmittelchemiker aus Heilbronn, wird mit
seinen Antworten und Analysen für Furore sorgen. So
sind seine Klassiker, Bestandteil der fachlichen Sicht einer
gesunden Lebensweise:
- Prost Mahlzeit, Krank durch gesunde Ernährung
- Lexikon der populären
Ernährungsirrtümer, Missverständnisse,
Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Alkohol bis
Zucker
- Eßt endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur
die Dünnen dick und die Dicken krank macht
- Food-Design: Panschen erlaubt
- Wohl bekomm's. Was Sie vor dem Einkauf über
Lebensmittel wissen sollten
- Wer gesund isst, stirbt früher
Pollmer kommt in seinen Untersuchungen oft zu
überraschenden Ergebnissen und zeigt uns auf, dass
Gesundheit mehr ist als viel Sport und Ernährung durch
Gemüse und Obst.
Beim Europäischen Institut für
Lebensmittel und Ernährungswissenschaften (www.das-eule.de) erforscht er mit seinem
Team unsere Ernährung, unsere Gesundheit und unsere
Lebensmittel.
Vieles, von dem wir glauben, dass es wissenschaftlich
erwiesen sei, entlarvt er als Hokuspokus. Einfache
Lösungen, von der Ernährungspyramide bis zur
Nationalen Verzehrstudie, sind oft die
Milchmädchenrechnungen von Politik und
Nahrungsmittelindustrie.
Das klingt bei Pollmer dann so:
„Es stimmt leider nicht, was Sie in der Zeit
über Süßstoffe verbreiten. „Der
behauptete Zusammenhang zwischen Geschmack und
Insulinproduktion“ sei „eine Legende“, ist
dort zu lesen. Angeblich sei die Bauchspeicheldrüse
„nur durch einen hohen Blutzuckerspiegel“ zur
Produktion von Insulin zu bewegen und nicht durch
„Geschmackssignale aus dem Gehirn“. Um es kurz
zu machen: Der Fachausdruck für die Signale aus dem
Mund heißt „cephalic phase“. Wenn Sie den
Suchbegriff in einschlägigen Datenbanken wie Medline
oder Highwirepress eingeben, erhalten Sie hunderte von
Treffern aus mehreren Jahrzehnten Forschung. Nicht wenige
davon befassen sich mit Süßstoffen und der damit
verbundenen Insulinsekretion. Im Deutschen spricht man vom
Kopfphasen-Reflex. Soviel zur Terminologie und zum aktuellen
Stand des Wissens.
Nun zum Einsatz von Süßstoffen in der Mast:
Hier werden Süßstoffe seit Jahrzehnten
erfolgreich genutzt. Dieses ermöglicht die
Futtermittelverordnung. Es stimmt, dass darin Saccharin nur
für Ferkel zugelassen ist. Aber alle naturidentischen
und natürlichen, d.h. insbesondere die gentechnisch
hergestellten, Süßstoffe sind für alle
Tierarten jedweden Alters erlaubt. Im Futtermittelrecht
(anders als im Lebensmittelrecht) werden
Süßstoffe als „Aromen“ geführt
– eine Tatsache, die dem flüchtigen oder der
Materie unkundigen Leser leicht entgehen kann.
Natürlich müssen bei der Wahl des richtigen
Süßstoffs die Unterschiede zwischen den Tierarten
in der Wahrnehmung des süßen Geschmacks beachtet
werden. Doch Ihre Aussage, „praktisch der einzige
Zuckerersatzstoff, der bei Mensch und Schwein wirkt“,
sei „das Saccharin“, trifft nicht zu. Die zwei
stärksten Süßstoffe beim Menschen, Lugdunam
und Carrelam, sind auch beim Schwein am effektivsten. Von
Saccharin bedarf es deutlich höherer Dosierungen als
beim Menschen. Die Wirk-samkeit von Acesulfam K ist beim
Schwein im Vergleich zum Menschen höher als von
Saccharin. Üblicherweise werden in der Schweinemast
spezielle Mixturen aus appetitstimulierenden
„Aromastoffen“ eingesetzt.
Ein wenig ins Grübeln brachte mich folgende Aussage
zum Einsatz von Saccharin als Futterzusatz: „Der Sinn
dabei ist auch nicht Gewichtszunahme, sondern es geht darum,
den an die Muttermilch gewöhnten Ferkel den teilweise
ungewohnten und bitteren Geschmack des neuen Futters zu
versüßen. Akzeptanz der Nahrung im Stall ist also
das Ziel, nicht Mast.“ Wie bitte: Die Mast ist nicht
Ziel im Stall? Was ist dann Sinn und Zweck der Schweinemast?
Oder ist der Stall ein Kurhotel für Ferkel, das Wert
auf eine gute Küche legt? Darf ich Ihnen, Herr
Drösser, ein Geheimnis verraten? Beim Nutzvieh
zählen die Gewichtszunahmen ab dem ersten Tag. Und
deshalb kommt Süßstoff in den Ferkelstarter, eine
Art Sauenmilchersatz. Denn der wird bis zum vierten
Lebensmonat gefüttert – und danach ist Saccharin
auch nicht mehr zulässig. Der Ferkelstarter dient
insbesondere dazu, die Ferkel früher abstillen und
mästen zu können. Und das funktioniert nur, wenn
sich der teure Süßstoff trotz Kalorienfreiheit
auch rechnet.
Hätte die Redaktion der Zeit ihr
feines Näschen nicht in einen virtuellen Schweinestall
oder in die Werbeschriften der Branche gesteckt, sondern die
einschlägige Fachliteratur verfolgt, dann wäre ihr
aufgefallen, dass Anfang dieses Jahres eine neue
Süßstoffstudie für Furore gesorgt hat:
Ratten wurde fettarmer Joghurt verfüttert, der entweder
Zucker oder Süßstoff enthielt. Fünf Wochen
später waren die Tiere mit Süßstoff
signifikant schwerer. Die Analyse der
Körperzusammensetzung zeigte, dass die Diätratten
tatsächlich fetter geworden waren. Es hatte
genügt, den Tieren drei Tage pro Woche
Süßstoffjoghurt anzubieten.
Als Ursache der Gewichtszunahme erwies sich zunächst
wie erwartet eine Appetitstimulation (vermutlich ein
cephalic phase response), verbunden mit Mehrverzehr. Aber
das erklärt nur einen Teil des Effekts. Die Zunahme an
Fettgewebe hatte noch einen weiteren Grund: Die Ratten gaben
weniger Körperwärme ab. Dadurch gelang es den
Tieren Energie zu sparen. Süßstoffe veranlassen
den Körper also mehr Fett zu bilden, um ihn besser
isolieren zu können. Dadurch kann er effektiver
Wärme- bzw. Energieverluste vermeiden. Demnach erkennt
der metabolische Sinn des Organismus den Betrug des
Geschmackssinns und korrigiert dessen Fehler. Die Autoren
der Studie schlussfolgern: „Die Daten zeigen,
daß der Verzehr von Speisen, die künstliche
Süßstoffe enthalten, zu einem erhöhten
Gewicht und Fettsucht führen können, weil sie
grundlegende physiologische Prozessse stören.
Aber der Ratten hätte es eigentlich gar nicht mehr
bedurft, schon die Schweine hätten unsere
Diäexperten rechtzeitig eines besseren belehren
können. Stimmt’s?“
Udo Pollmer, geboren 1954 in Himmelpforten, gehört zu
den streitbaren deutschen Fachjournalisten.Seine Thesen sind
oft provokant und verstoßen gegen den Zeitgeist. Udo
Pollmer studierte Lebensmittelchemie an der Universität
München bei Theodor Severin. Seit dem Jahre 1981
arbeitet er als selbstständiger Wissenschaftsjournalist
und Unternehmensberater. Pollmer war mehrere Jahre lang
Lehrbeauftragter für Haushalts- und
Ernährungswissenschaften an der Fachhochschule Fulda
sowie der Universität Oldenburg. Pollmer ist seit 1995
wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts
für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.
V. (EU.L.E.) in München. Er veröffentlicht
regelmäßig wissenschaftliche Artikel in
Fachzeitschriften, u. a. Kolumnen im Catering Management
Magazin. Pollmer lebt in Gemmingen bei Heilbronn.
Udo Pollmer tritt häufig in Fernseh- und
Hörfunkdokumentationen auf. Unter dem Titel
„Mahlzeit“ hat er seit Jahren eine eigene
Radio-Kolumne zu Ernährungsthemen im Deutschlandradio
Kultur. Bei Pollmer liest sich das so:
„Vitamin C hilft bei Erkältungen. Zuviel Salz
ist ungesund. Müsli ist nahrhafter als ein
Weißmehlbrötchen. Vollwerternährung
schützt vor modernen Zivilsationskrankheiten. Margarine
ist gesünder als Butter. Tiefgekühlte Lebensmittel
enthalten mehr Nährstoffe als Dosenware. Der Verzehr
von viel Obst und Gemüse beugt Krebserkrankungen vor.
Alle diese gerne geglaubten
Ernährungsweisheiten gehören ins Reich der Mythen
und Legenden.
Sie sind nicht selten erfunden worden, um bestimmte
Produkte besser vermarkten zu können. Udo Pollmer und
Susanne Warmuth sind zahllosen populären Irrtümern
und raffiniert von Industrie und Verbänden ins Leben
gerufenen Fehlinterpretationen auf den Grund gegangen.
Ihre Erkenntnis ist ebenso niederschmetternd wie
aufrüttelnd:
"Vieles, was wir für gesund halten, ist nahezu
wirkungslos, und zahlreiche Lebensmittel, die wir als
schädlich verdammen, sind in Wahrheit harmlos. Das
Lexikon der populären Ernährungsirrtümer` ist
ein Plädoyer für einen weniger aufgeregten Umgang
mit unserer täglichen Ernährung, ein Aufruf, mehr
auf den eigenen Körper und seine Reaktionen zu
vertrauen, statt auf die immer neuen Halbwahrheiten
sogenannter Ernährungswissenschaftler."
Information und Karten:
VHS-Völklingen
Altes Rathaus
66333 Völklingen
Telefon: 06898 / 132581
E-Mail: info@vhs-voelklingen.de |