Umami - die 5. Geschmacksrichtung
Auf unserer Zunge schmecken wir neben süß,
salzig, sauer und bitter auch umami. Das Wort
“umami” kommt aus dem japanischen und
heißt frei übersetzt “größte
Köstlichkeit”. Auf der Suche nach der Antwort auf
die Frage: “Warum gibt Seegras Japonica laminaria
Suppen ein mehr an Aroma und Fülle?” hat 1908 der
japanische Wissenschaftler Ikeda Glutamat als den
verantwortlichen Wirkstoff isoliert. Er war es auch, der als
erster die Meinung vertrat, dass es sich bei der Wahrnehmung
von Glutamat um eine eigenständige Geschmacksrichtung
handelt, die nicht durch die Kombination der bekannten
Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter
erzeugt werden kann. Diese neu entdeckte Geschmacksrichtung
nannte er “umami”. Bei uns im Westen ist
Glutamat seither lediglich als Geschmacksverstärker
bekannt geworden, bringt es doch den meisten Dosen-,
Tüten- und Fast-Food-Gerichten überhaupt erst das
bisschen Geschmack bei, das sie überhaupt besitzen.
 Exkurs I: Das ist dann wohl auch nötig, denn die
Zutaten, die dem Päckchen “Klare
Hühnersuppe”, der Tüte
“Sauerbratensoße nach Omas Art” oder der
Konservendose “Deftiger Gemüseeintopf mit
Schweinswürstchen” ihre fantasievollen
Aufschriften geben, sind in so homöopathischen Mengen
darin enthalten, dass diese nicht geschmacksgebend sein
können. Ersetzt sind sie durch Aromen, Farbstoffe,
Füllstoffe und eben reichlich Glutatmat. Als Beispiel
soll hier nur aufgeführt sein, dass in einem Teller
Tütensuppe so viel Glutamat enthalten ist, wie in einem
starken Kilo gereiftem Parmesankäse. Der wesentliche
Unterschied ist nur: den Käse essen Sie nicht in dix
Minuten auf, sondern Sie genießen ihn über Tage
und Wochen in bekömmlichen Dosen. Nun werden nicht
diejenigen Geschmacksbetrüger genannt, die Glutamat in
Mengen in Convenience-Produkte (übersetzt:
Bequemlichkeitsprodukte) stopfen! Nein, das Glutamat wird
anstelle zum Beelzebub gemacht; so z.B. als Verursacher des
“China-Restaurant- Syndrons” mit Symptomen wie
Kopfschmerzen und Übelkeit. Keiner nimmt zur Kenntnis,
dass es die schiere Menge an Glutamat in Fertigprodukten
ist, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin
zur Entstehung von Alzheimer führen und nicht das
Glutamat an sich. Leider hat sich diese Nachricht nicht so
schnell verbreitet, wie die zur Bequemlichkeit keinesfalls
zur Gesundheit und Genuss beitragenden Päckchensuppen,
Tütensoßen und Dosengerichte.
 Exkurs II: In fast allen Lebensmitteln kommt
natürlicherweise gebundenes und freies Glutamat vor. Je
höher der natürliche freie Glutamatgehalt in
Lebensmitteln ist, umso mehr kommt es zu der
Umami-Geschmacksempfindung “voller und üppiger
Geschmack”. In Kuhmilch beträgt das freie
Glutamat 2 mg/l, in Muttermilch (!) schon 22, in reifen
Tomaten 140, daraus Tomatenmark gekocht das 4-fache und man
höre und staune in einem gereiften Parmesankäse
1.200 mg/kg! Nur mit diesen natürlichen Lebensmitteln
bekommen Sie auch das echte “Umami”, das im
Japanischen nicht nur für die 5. Geschmacksrichtung
steht, sondern für einen besonders intensiv erlebten
Genuss, den man über Hingabe an etwas erreicht.
Chemmisch gesehen handelt es sich bei Glutamat um das
Natriumsalz der Aminosäure Glutamin. Aminosäuren
sind die Grundbaustoffe für Eiweiß (Proteine).
Glutamin ist die, die am meisten zum Aufbau von
körpereigenem Eiweiß benötigt wird. Meinen
Sie nicht auch, dass es deshalb für unseren Körper
durchaus “Sinn” macht, schon im Moment des
ersten Kontakts mit der Nahrung im Mund, ein Signal zu
bekommen: “Achtung an alle! Bitte Vorbereitungen
treffen! Wichtiges Baumaterial wird in Bälde
angeliefert!” Die Signalgeber für diesen
Baustoff, sitzen auf unserer Zunge: Es sind die
Geschmacksrezeptoren für Natriumglutamat. Ihre Existenz
wurde erst kürzlich - 94 Jahre nach Ikedos Annahme der
5. Geschmacksrichtung - im Frühjahr 2002 durch die
amerikanischen Wissenschaftler Charles Zucker und Nick Ryber
nachgewiesen.
Weshalb sollte es Ihnen nun lieber Weinfreund wichtig
sein, sich mit “umami” zu beschäftigen?
Weil Sie es gerne japanisch im Leben haben = besonders
intensiv erlebter Genuss und vollendete Lebensqualität
durch Hingabe! Nun, Sie haben in vorherigen Kolumnen schon
einiges darüber erfahren, wie und dass sich das
Genusserlebnis von Wein ändert in Abhängigkeit von
Glasformen oder unterschiedlicher Temperatur. Wein
verändert sich selbstverständlich auch in der
Kombination mit Speisen. Das ist an sich ein alter Hut;
nicht zuletzt deswegen plagen sich Generationen von
Sommeliers in “Selbstversuchen” damit herum, den
passendsten Wein zur einer bestimmten Speise zu fi nden. Es
gibt natürlich Grundregeln, wie man zu solch
harmonischen Wein-mit-Speisen-Vermählungen kommt. Eine
davon hat mit “umami” zu tun und lässt sich
auch nur über die Anwesenheit dieser 5.
Geschmacksrichtung erklären.
 Als Beispiel sei hier genannt, die Kombination
Rauchlachs mit einem Chardonnay-Wein, der im Barrique
ausgebaut wurde. Defi niert man den Rauchlachs nach seinen
geschmacklichen Ausprägungen in den uns bekannten vier
Geschmackseigenschaften süß, salzig, sauer und
bitter, so ist dieser überwiegend salzig gepaart mit
wenig Süße. Macht man dasselbe mit dem Wein, so
fi ndet man im Wein eine mittlere Säureausprägung
und eine mittlere Bitterkeit. Wendet man nun das Wissen an,
wie sich Süße, Säure, Salzigkeit und
Bitterkeit in der Interaktion verhalten - diese Regeln sind
völlig unesoterisch, haben nichts mit Plattheiten wie:
“weißes Fleisch zu weißem Wein”,
“Salat und Wein, das lass sein” gemein, erlauben
es einem aber die geschmackliche Prägung der
Kombination vorauszusagen - müsste die Kombination
Rauchlachs mit dem oben genannten Typ Chardonnay dazu
führen, dass die Salzigkeit des Rauchlachses, die
geschmacklich bitteren Anteile im Wein so unterdrückt,
dass das Bittere im Wein gar nicht mehr schmeckbar ist.
Tatsächlich passiert: der Wein wird bitterer und wird
zudem metallisch im Mund erfahren. Die Erklärung
hierfür ist: Rauchlachs besitzt als fermentiertes und
geräuchertes Produkt sehr viel “umami”. Die
Regel, die deswegen Anwendung findet, lautet: Umami
verstärkt Bitteres. Sie könnten nun zwei Dinge
tun: 1. den Chardonnay durch einen Chardonnay- Wein
ersetzen, der keinen Barriqueausbau hinter sich hat, d.h.
der höchstwahrscheinlich keine bitterschmeckenden
Gerbstoffe enthält oder 2. den Rauchlauchs mit
Zitronensaft beträufeln, denn die Zitronensäure
mindert den bitteren Geschmack im Wein ab. Am besten Sie
probieren es demnächst aus anlässlich
“Bungee Jumping für die Sinne” bei mir im
Wein & Genuss Zentrum.
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