Cool - oder: die Sache mit der Temperatur im Glas
“Richtige Serviertemperatur”.
Nicht selten wird man im Restaurant Zeuge hitzigst
geführter Gast-Service-Wortgefechte, ob der Wein nun zu
kalt oder zu warm sei. Kalt läuft es mir den
Rücken herunter, wenn gar jemand zum
“Rechthaben” sein Weinthermometer zückt,
dieses demonstrativ ins Glas sticht, nach erfolgter Messung
eine dieser unsäglichen Temperatur-Tabellen aus der
Tasche zieht und nach einem Blick darauf schulmeisterhaft
tönt: "Für einen Bordeaux zu kalt!"
Zielführend in Richtung individuellem, größt
möglichen Genuss ist diese Art des Umgangs mit dem
Thema Wein und Temperatur nicht, kann ich da nur kalt
lächelnd bemerken. Wenn Sie sich für eine
umfassendere Sichtweise der Thematik erwärmen
können, dann lohnt es sich jetzt weiter zu lesen.
“Gibt es überhaupt ein richtig oder
falsch?” fragt sich zunächst der kühl
distanzierte Verstand. Die Tatsache, dass der Temperatursinn
dem Tastsinn zugeordnet ist, kann uns auf die angemessene
Spur bringen. Bei der Temperatureinschätzung eines
Weines geht es also um das Anfühlen und hierbei auch im
weiteren Sinne um das subjektive Empfinden, das Gefühl,
das Fühlen. Folglich handelt es sich primär gerade
nicht um objektiv Messbares, obwohl es über solches im
Kontext auch zu berichten gibt.
Objektives! Die Zufuhr von Wärme
bzw. Kälte verändert den Geschmack und den Geruch
eines Weines. Wir stellen eine Temperaturänderung
zuerst mit unserem Temperatursinn fest. Die Änderung
selbst verschafft aber in erster Linie dem Geschmacksinn und
dem Geruchsinn wandelnde sinnliche Kitzel. Objektiv gesehen
führt der Eintrag von Kälte bzw. Wärme zu
physikalischen Veränderungen im Wein und/oder zu
veränderter Wahrnehmung der Inhaltsstoffe; in dessen
Folge kommt es dann zu jeweils anderen Sinneseindrücken
für Nase, Zunge und Gaumen. Die in Sachen
Temperaturwechsel beim Wein zu betrachtenden Inhaltsstoffe
sind: Säuren, Zucker, Gerbstoffe, Alkohol, Aromen und
bei jungen Weißweinen und besonders bei Schaumweinen
auch Kohlensäure. Im folgenden finden Sie die
allgemeinen Gesetzmäßigkeiten in
Abhängigkeit von der Temperatur notiert: 1. Je
höher die Temperatur, desto mehr werden Alkohol und
Aromen flüchtig. D.h. der Wein riecht bei Erhöhung
der Temperatur immer mehr. Über 20 Grad Celsius - ab da
wird auch der Alkohol flüchtig - riecht er schon
deutlich alkoholisch. 2. Je höher die Temperatur, desto
weniger Kohlensäure kann von einer Flüssigkeit
gebunden werden. D.h. bei höherer Weintemperatur
verpufft die Kohlensäure schneller. 3. Bei niederer
Temperatur schmecken wir auf unserer Zunge bitter
schmeckende Gerbstoffe bitterer als bei höherer
Temperatur. D.h. je gerbstoffbetonter ein Wein ist, desto
mehr sollte er gegen 18 Grad Celsius serviert werden. 4. Bei
höherer Temperatur empfinden wir Säure saurer, bei
niederer Temperatur kommt der erfrischende Aspekt von
Säure mehr zur Geltung. D.h. je säurebetonter ein
Wein ist, desto mehr sollte er gegen 8 Grad Celsius serviert
werden. 5. Bei zunehmender Temperatur empfinden wir
Süßes in Richtung klebrig süß. D.h. je
süßer ein Wein ist, desto mehr sollte er gegen 8
Grad Celsius serviert werden.
Subjektives! Die Fragen, die Sie sich auf der
Suche nach der für Ihren individuellen Gusto
zugeschnittenen "richtigen Serviertemperatur nun
stellen müssen, sind: Welche Veränderungen
fördere ich, weil ich im Resultat den Wein dann mehr
mag? Was ist für mich das Wesentliche an diesem Wein
und möchte ich dies betonen? Gefällt mir die
momentane Ausprägung von Aromen und Geschmack oder
möchte ich andere Akzente wie aromatischer,
süßer, saurer oder bitterer setzen? Will ich beim
Aroma ins Extrem gehen und welche Nebenwirkungen muss ich
dann in Kauf nehmen? Steht mir der Sinn gerade nach
Erfrischung oder soll der Wein mich wärmen? Trinke ich
den Wein zur kalten Vorspeise oder zur heißen Suppe?
Wie ist die gefühlte Temperatur - also alles, was die
Umgebungstemperatur ausmacht und dazu gehört nicht nur
der physisch wirksame Aspekt, sondern auch die seelisch
wahrnehmbare "Außentemperatur" in
zwischenmenschlicher Wärme gemessen ....
Ein
Beispiel: Sie wollen eine Flasche 2002er Beaujolais
Villages AC an einem heißen Sommernachmittag auf der
Terrasse ohne Essen gemeinsam mit Freunden trinken. Welche
Serviertemperatur ist die "richtige"? Zwei Wege
führen zur Entscheidung. Der erste setzt Wissen voraus,
der zweite ist langsamer, aber unter Umständen
bereichernder und genussvoller. Zunächst gehen wir den
Wissens-Weg. So haben Sie gelernt, dass es sich bei einem
Beaujolais-Wein um einen Rotwein handelt, der zu 100 % aus
der Rebsorte Gamay ist. Sie sind informiert, dass Weine aus
dieser Rebsorte eher säurebetonte Weine erbringen und
kaum bitter schmeckende oder adstringierende Gerbstoffe
haben. Sie wissen auch, dass Beaujolais-Weine durch
Kohlensäure-Maischegärung entstehen, was zu
intensiv fruchtigen Weinen führt, deren Aromen vor
allem in der Jugend an reife Bananen, Himbeeren und Kirsch
erinnern. Der Alkoholgehalt ist auf dem Etikett mit 13 Vol%
angegeben. Sie tippen darauf, dass der Wein
höchstwahrscheinlich chaptalisiert wurde und erwarten
daher einen Wein, der eher schlank als vollmundig ist und
dem es auch an Nachhall fehlen könnte. Die Temperatur
resultierend aus all dem Ihnen Bekannten und/oder Vermutetem
würden Sie nun bei 13 Grad Celsius - also bei relativ
niederer Temperatur für einen Rotwein - festlegen. So
laben Sie sich auf der sommerlich heißen Terrasse
sitzend an einen Wein, dessen Säure Sie erfrischend
empfinden. Die fruchtigen Aromen, die tatsächlich sehr
intensiv sind, kommen, obwohl so kühl serviert, immer
noch ausreichend zur Geltung. Die Gefahr, dass der Wein mit
seinem hohen Alkoholgehalt auch alkoholisch riecht, besteht
bei dieser niederen Temperatur nicht. Das Bitterwerden des
Weines durch die tiefe Temperatur ist praktisch
ausgeschlossen, denn es gibt ja so gut wie keine Gerbstoffe
in diesem Wein. Nun begeben wir uns auf den zweiten Weg: Sie
servieren den Wein bei relativ niedriger Temperatur - sagen
wir einmal 10 Grad Celsius bei einem Rotwein. Alle vier
Minuten wird der Wein im Glas dann um 1 Grad Celsius
wärmer. Probieren Sie den Wein in diesen
Abständen. Und halten Sie den Moment fest, wo er sich
Ihnen von seiner für Sie angenehmsten Seite zeigt. Das
Schöne an dieser Methode ist, dass Sie den Wein bei
seiner chamäleonartigen Entwicklung im Glas begleiten
und er sich Ihnen in seinem ganzen Wesen nach und nach
offenbart. Der Kreis ist nun geschlossen. Die Empfehlung im
Umgang mit Wein und Temperatur lautet: Diskutieren Sie nicht
über die "richtige Serviertemperatur", da es
sich bei derselben um eine vollkommen subjektive Wahrnehmung
handelt. Reklamieren können Sie die Weintemperatur
natürlich. Sinnvoll ist dies allerdings nur, wenn Ihnen
der Wein zu warm ist, denn kalt wird er tatsächlich
nicht von selbst.
Fortsetzung folgt:
So oder so? Die zwei Arten des Dekantierens
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