Bin ich noch bei Sinnen: Feinherb, trocken oder nass?
Zunächst einmal geht es mir in dieser Kolumne um
Gedanken zur Geschmacksempfindung „sauer“. Da an
Säure in Verbindung mit Wein sehr viel Ideologisches
und auch Irreführendes geknüpft ist, scheinen mir
diese Vorabgedanken besonders wichtig.
1.
Ideologisches: Ein snobistisch in die Runde
geworfenes: „Ich trinke nur trockene - oder eine Spur
beeindruckender, weil noch mehr vermeintliches Insiderwissen
mitschwingt - durchgegorene Weine!“. Für den
Wein-Unkundigen wird ein solcher Ausspruch als sicheres
Zeichen gedeutet, einem in die höchsten Weingrade
Eingeweihten gegenüber zu stehen! Diesem so
beeindruckten, vielleicht vom „süßen“
Glykolskandal noch immer verunsicherten, dennoch aber
genussoffenen „Gourmet vulgaris“ wird dieser
Satz durch häufiges Vorbeten durch den Meister zum
Mantra auf seinem Weg von der innocenten Banause zum
anspruchsvollen Connaisseur. Fürderhin folgt er der
fixen Idee: Willst Du Weinkenner werden, so musst du
ausschließlich trockene / durchgegorene = ehrliche,
saubere, wie gewachsene, natürliche, bekömmliche
und überhaupt diese wirklich einzig guten Weine
trinken. Beginnen wir an dieser Stelle mit der
Einschätzung der Materie durch einen wirklichen Kenner.
Er beschreibt durchgegorene / trockene Weine mit: „Die
Wahrnehmung von Säure steht bei diesen Weinen beim
geschmacklichen Ersteindruck im Vordergrund.“ Punkt!
Er bewertet dies jedoch nicht als besonders gut oder auch
schlecht, denn er weiß um Qualität im Glas zu
finden, braucht es mehr.
Andere Parameter werden von ihm zur Beurteilung
herangezogen: Wartet der Wein mit für die Rebsorte, das
Terroir, den Weinausbau typischen Aromen in Nase und Mund
auf? Besitzt er eine Länge im Nachhall, einen
Körper, eine Struktur und Komplexität
gemäß seinem Typ? Der Trocken-Ideologe legt
andere Maßstäbe an. Für ihn wird die
Höhe der Säure zum Gradmesser für
höchste Qualität. Es geht ihm auch nicht um die
sensorisch erlebte Qualität der Säure -
erfrischend, spritzig, tanzt auf der Zunge -, sondern um den
Triumph des Heroen über den in g/l ausgedrückten
Säurewert, der mindestens eine 9 vor dem Komma
aufweisen muss. Auf seinem Weg zum Olymp der Trockenanbeter
bleibt dem unerschrocken nach höchsten Säurewerten
Heischenden unzählige Male von saurer
Äpfelsäure unreifer Trauben im dünnen
Endprodukt Wein die Spucke weg (er maǵs ja trocken
:-)). Bei aus „trocknen“ den Selbstversuchen
unter Ausschluss geselliger Öffentlichkeit mutiert sein
Gesicht zur zitronensauer verzogenen Fratze, die
Magenschleimhaut wird verätzt, das Unterhemd zieht sich
zusammen, die Fußnägel rollen sich hoch. Doch
übersteht er diese un“lust“igen Attacken
während seiner Adeptenzeit zur Vorbereitung seiner
Initiation in die höheren Weihen des inneren Zirkels
der Gemeinde der Trockentrinkerbruderschaft stoisch.
Weiß er doch, sein Lohn steht weit über dem, was
wirklicher Weingenuss ihm bieten könnte:
ehrfürchtige Bewunderung und höchste Anerkennung
uneingeweihter Amateure.
Doch ewig ist
nichts in dieser Welt! Irgendwann einmal will der angehende
Weinnovize nicht mehr den „Trockenpäpsten“
huldigen. Er will Weingott Bacchus selbst dienen und Wein
trinken, der ihm wie das himmlische Ambrosia dünkt.
Natürlich soll die Weingemeinde nicht gleich über
ihn wissen, dass er keine Ahnung davon hat, wie er solch
auserlesene Tropfen erkennt. Deshalb bestellt er forsch mit
dem versierten Blick der Kennerschaft in der aufgesetzten
Miene selbst einen „trockenen“ Wein. Wohl dem,
der nun nicht in die Fänge der Sekte der Trockentrinker
gerät! Hoffentlich trifft er auf einen wein- und
lebenserfahrenen Winzer, Gastronomen, Weinhändler oder
Genießer. Dieser wird zunächst ganz profan
Vorlieben und eventuelle Abneigungen des Anfängers
betreffend Aromen, Geschmack, Anfühlen im Mund,
gewünschte Preisklasse erfragen, ihm dann glasweise
Weine kredenzen, um ihn in der Folge schluckzessive in die
Welt des Weingenusses einzuführen.
2. Irreführendes: Die Annahme
lautet, dass die Auszeichnung von Weinen durch ein Etikett,
dem Verbraucher helfen soll, das auszuwählen, was er
auch wirklich im Glase haben möchte. Wie steht́s
damit? Beantworten Sie dies selbst liebe Leser: Mit welchem
der Worte - herb oder trocken - würden Sie in der
deutschen Sprache den Sachverhalt ausdrücken, dass Sie
vornehmlich etwas „sauer“ schmecken. Ich nehme
doch an, Sie würden meinen, keines dieser Worte trifft
im Sinn einen sauren Geschmackseindruck. Steht doch herb -
wie bei Bier oder Schokolade von Hinz und Kunz
richtigerweise sprachlich eingesetzt - für ein bitteres
Erlebnis auf der Zunge. „Trocken“ hat in der
Wortbedeutung gleich gar nichts mit dem Geschmack im engeren
Sinne zu tun; bestenfalls kann man den Tastsinn
bemühen, der dann feststellt, ob sich etwas trocken
oder nass anfühlt. Trotzdem sieht das deutsche
Weingesetz zur geschmacklichen Beschreibung und zur
Kennzeichnung von Weinen mit Säurebetonung das Wort
„trocken“ vor. Seit kurzem gar, höchst
richterlich erlaubt - wenn auch umstritten - setzen
Weingüter das Wort „feinherb“ auf ihre
Etiketten, um damit einen Wein geschmacklich zu beschreiben,
der im Mund deutlich in Richtung süß wahrgenommen
wird. Ergo: Bitter ist lediglich die Wahrheit über den
süßen Inhalt der Flasche. Wohlgemerkt, gar nichts
habe ich gegen Süße einzuwenden, im Gegenteil -
vorausgesetzt die sonstigen Parameter - siehe hierzu 1.
Ideologisches - stimmen! Nur die Beschriftung auf dem
Etikett ist halt trotzdem irreführend.
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