Die Anfänge des Weinanbaus in Lothringen datieren, wie auch in den beiden Nachbargebieten, aus
einer Zeit vor der Eroberung durch die römische Weltmacht. Die römische Einflußnahme in allen Bereichen des
täglichen Lebens war dominant. Dies verspürte auch der Weinbau. Neue Rebberge wurden angelegt, die
Bepflanzungsdichte stieg an und ein reger Handel gestaltete sich rund um die damalige Metropole Metz. Was anfangs nur
römischen Staatsbürgern erlaubt war, wurde im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte liberalisiert und somit auch
Nichtrömern ermöglicht, sich im Weinbau und Handel zu betätigen. Im weiteren Verlauf wurde der Weinanbau von
Königen und Kaisern, selbst Karl der Große besaß Güter im Touler Land, beherrscht und gefördert.
Die Herzöge von Lothringen und die zahlreichen Klöster und Abteien, die unter dem wachsamen Auge der beiden
Bischhofssitze Toul und Metz standen, gaben der Weinkultur neue Impulse. Leider galt dies nicht für die vielen kleinen
Winzer, denen hohe Tributzahlungen auferlegt wurden, so daß der Anreiz, Qualität und Produktivität zu
steigern, im Keim erstickt wurde.
Die beginnende Industrialisierung mit steigender Landflucht, der Einfall zahlreicher Rebkrankheiten und die
Überschwemmung des Marktes mit billigen Massenweinen aus Südfrankreich und den nordafrikanischen Kolonien schadeten
der Lothringer Winzergemeinschaft überaus. Erst ab Anfang der 50er Jahre gab es neue und entscheidende Impulse für
die Anbaugebiete der Côtes de Toul, dem Moseltal von Metz bis zum Dreiländereck und den Weinbergen rund um
Vic-sur-Seille. 1950 erhielt der „Vin de Moselle“ die Appellation VDQS, ein Jahr später folgte die
Côtes des Toul.
Östlich
der Stadt Toul erstreckt sich das kleine Gebiet über 20 km entlang der Wein- und Mirabellenstraße. Acht Gemeinden teilen
sich die Weinberge, die mit Spätburgunder, Auxerrois und Gamay bestockt sind. Der nur noch sporadisch auftretende Aubin spielt
keine große Rolle mehr. Das Lieblingskind der Touler Weingüter ist wohl der „Vin Gris“, der zum
größten Teil aus dem Saft der Gamaytrauben vinifiziert wird. In guten Jahren mit kräftiger Unterstützung der
Natur gelingt den Winzern auch ein längerreifender Rotwein. Ebenso ist der Trend zu spritzigen Schaumweinen zu vermerken, die
in den Kellern von Lucey im Norden bis Bulligny im Süden nach traditioneller Methode hergestellt werden.
Rund 60 Winzerbetriebe trifft man in den Gemeinden der Côtes de Toul an, die zu 45% ihre Weine selbstvermarkten, der
große Rest liefert aber einer Weinhandelsfirma oder der Winzergenossenschaft in Mont-le-Vignoble seine Trauben zur
weiteren Verarbeitung ab. Trotzdem ist es fast immer möglich, nach vorheriger Anmeldung, in den Privatkellern oder den
Probierstuben die lokalen Produkte zu degustieren. Der persönliche Kontakt zu den Winzern bietet dem Verbraucher nicht
nur die Gewißheit ein Qualitätsprodukt zu erwerben, sondern er gewinnt auch neue Eindrücke über Land
und Leute und den Wein im Allgemeinen.
Die letzte Aufwertung des Weinbaugebietes, der Weingüter und ihrer Produkte war die Erhebung zur Appellation
d´Origine Controlée (AOC) 1997. Das beharrliche Qualitätsbewußtsein wurde nun belohnt, was auf
weitere beständige Qualitätsprodukte der Côtes de Toul hoffen, aber auch schließen läßt.
Verlassen wir nun das Departement Meurthe et Moselle und widmen wir uns den Weinbergen an der nördlichen Mosel und
Seille. Diese Gebiete gestalten sich bei weitem nicht so einheitlich wie die Côtes de Toul. Der überwiegende Teil
der dort vinifizierten Weine stammt von weißen Trauben ab. Genau in der Mitte zwischen Metz, Nancy und Saarburg liegen
die Rebhügel der Gemeinden Marsal und Vic-sur-Seille. Knapp über 100 Hektar Rebflächen stehen für die
VDQS „Vin de Moselle“. Aber nur einen kleinen Teil gewährt man diesem ein wenig abseits der üblichen
Routen gelegenen Gebiet. Trotzdem baut man dort fast alle gängigen Rebsorten wie Auxerrois, Gamay, Spätburgunder
und Grauburgunder an. Selbst der Müller-Thurgau wird von den ansässigen Winzern gehegt und gepflegt. Die Weine sind
denen der französischen Moselgemeinden im Dreiländereck ähnlicher, als den der Côtes de Toul.
Weiter nördlich empfängt den Weinfreund Metz, die Hauptstadt des Département. In Metz und den umliegenden
Weinorten (Ancy, Vaux etc.) hat der Weinbau eine lange Tradition und die Weine viele Freunde. Auch in der Metzer Gastronomie
findet man die fruchtigen Weißen, den Gris oder auch einen Spätburgunder auf den Weinkarten. Ebenso sind die
Weine des Dreiländereck aus den Weinzentren um Contz-les-Bains und Berg-sur-Moselle seit langem bekannt und
geschätzt. Dort ist die geographische Nähe zu Deutschland und Luxemburg in Weinbereitung und Stil am besten zu
erkennen. Auch die „Verpackung“ des Weines ist gleich, während in den restlichen Weingebieten Lothringens
die Burgunderflasche bevorzugt wird.
Da es in den kleinen Weindörfchen keine Winzergenossenschaft gibt, ist der Anteil der selbstvermarktenden Winzer
ungewöhnlich hoch, nämlich 100%. Die Weingüter sind gern bereit ihre Erzeugnisse in ihren Kellern zu
präsentieren und man erfährt so einiges über Tradition, Weinbau und das tägliche Winzerleben.
Lothringen bietet nicht nur landschaftliche Schönheit mit all seinen eigenständigen Weinbaugebieten, sondern
auch interessante und kulturreiche Metropolen, in denen man vorzüglich Speisen und seinen Weinfreuden ausgiebig
frönen kann. Einen Besuch ist dieser Teil des europäischen Herzens allemal wert. |