Unser täglich Fraß gib uns heute

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Unser täglich Fraß gib uns heute

Wenn wieder einmal ein Lebensmittelskandal von den Medien aufgedeckt wird, ist der Aufschrei groß. Wie konnte das passieren? Dabei ist es unser tägliches Essverhalten, das die Skandale erst möglich macht. Ein Plädoyer für eine vernünftige Ernährung.

Ich muss da mal was loswerden. Es geht um unsere Ernährung und wie im Fernsehen damit umgegangen wird. Richtig, nicht nur dort. Aber das ist ja nur der Anfang. Eigentlich betrifft es uns alle, die ganze Gesellschaft. Angefangen hat es damit, dass ich mich fürchterlich aufgeregt habe. Über Sandra Maischbergers Sendung mit den Billigheimern vor ein paar Wochen. Sie redeten über Urlaub und Baumärkte, über das und jenes, was mich nicht sonderlich interessierte – und über Lebensmittel. Und da fing es an.

Ich fragte mich, was ist der Sinn dieses Gespräches? Da sitzen eine „Markendetektivin“, eine Verbraucherexpertin, eine Köchin, ein Ex-Aldi-Manager, ein Verbraucherschützer, ein Reisejournalist und ein Industrievertreter. Und dann geht es hurtig durcheinander. Thore Barfuss schrieb in der „Welt“: „Das Dilemma der Erkenntnis aus der Sendung symbolisierte die WDR-Verbraucherexpertin Yvonne Willicks perfekt, die während der gesamten Sendung immer wieder auf die Verbraucher hinwies oder berichtete aus Verbrauchersicht: Man könne ‚nichts mehr kaufen‘ und ‚niemandem vertrauen‘, würden die Leute zu ihr sagen. ‚Früher hat alles länger gehalten.‘“

Was der Sendung genutzt hätte, wäre die Erkenntnis zu vermitteln, dass es heute verschiedene Ernährungsmärkte gibt. So ist es wichtig, den Kunden klarzumachen, dass es Lebensmittel aus handwerklichen Betrieben und eine riesige Lebensmittelindustrie gibt. Die Ersteren machen nach meinem Verständnis Lebensmittel, die Zweiteren so etwas Ähnliches, sie befriedigen den zweiten Lebensmittelmarkt.

Dazu muss man wissen, dass es in Deutschland Kennzeichnungsgesetze gibt, die zulassen, dass nie draufsteht was drin ist. Am Beispiel Brot kann man das sehr schnell nachvollziehen, wenn man sich dafür interessiert. Wenn! Tut aber kaum eine.

Sarah Wiener, Köchin mit Verantwortung, sagte in der Sendung: „Wir haben uns eine Nahrungsmittelindustrie geschaffen, die mit unseren herkömmlichen Urteilen von Qualität nichts mehr gemeinsam hat.“ Denn beim Essen verhalten sich die meisten Menschen in diesem Land, wie die berühmten drei Affen, die nichts Schlechtes hören, nichts Schlechtes sehen und nichts Schlechtes sagen wollen. Wie die Lemminge folgen sie der Nahrungsmittelindustrie mit ihren falschen Versprechungen und gehen in die nächste Falle.

Auf dem zweiten und dritten Ernährungsmarkt bekommt man einen Becher Joghurt für 19 Cent, ein halbes Pfund Butter für 79 Cent, einen Liter Milch für 49 Cent und einen Liter Parallel-wein für 1,29 Euro. Hergestellt wird so etwas von einer Lebensmittelindustrie, die diese Ware mit fast drei Milliarden Werbeausgaben im Jahr „schmackhaft“ machen will, und die den Markt zu 85 Prozent unter sich aufteilt mit Namen Edeka, Lidl, Aldi und Rewe.

Und dann denken Verbraucher, sie schauen mal nach bei „Foodwatch“, ob das alles stimmt, was die so sagen und vergessen, dass „Foodwatch“ fast nur diesen Mist der Lebensmittelindustrie kontrolliert. Brauch ich nicht, nicht „foodwatch“ und keine Lebensmittelindustrie. Weil ich so etwas zu selten esse.

Doch das sagen sie im Fernsehen nicht. In dem Land, in dem die Mehrheit mehr Geld für Qualität in Motorenöl als für Qualität in Salatöl ausgibt. Deutschland ist ein Land geworden, in dem immer mehr Menschen Sehnsucht nach Natürlichkeit und unverfälschtem Essen haben, bei gleichzeitigem Anstieg der Convenience-Produkte. Sie schauen Kochsendungen bei Tiefkühlpizza, die nicht nur teurer ist als eine selbstgemachte, sondern auch unbekannte Inhaltsstoffe hat.

Jacob Strobel schrieb Anfang Mai in der „FAZ“: „All die Lebensmittelskandale scheuchen uns auf. Sie rütteln uns aber nicht wach, weil wir gar nicht wahrhaben wollen, dass unsere tatsächliche Gesundheitsgefährdung durch eine Charge vergifteten Putenfleischs oder eine Lieferung vergammelten Schweineschnitzels nach aller Wahrscheinlichkeitsrechnung marginal ist. Das sind nur die Spitzen des wahren, des permanenten Skandals, des eigentlichen Eisbergs.“

Denn wer noch glaubt, ein Skandal sei nur ein Skandal, wenn die Medien es melden, hat das Problem nicht verstanden. Es gibt täglich und permanent Lebensmittelskandale. Wir müssen sie nur suchen und uns fragen, woher das Essen kommt, das wir verzehren. Es ist nicht unser Problem, dass irgendwo ein Grenzwert überschritten wird.

Unser Problem ist, dass die Tiere aus den Tierfabriken wie das Brot aus den Brotfabriken oder die Fische aus den Fischfabriken mit Dingen „bearbeitet“ werden, die kein Mensch will. Wenn wir nur einmal drüber nachdenken würden, warum ein Lachs aus Freifang einen höheren Preis hat, als aus den Aufzuchtstationen in den norwegischen Fjorden, könnten wir die Antwort finden.

Und all den Verbraucherschützern, die nach dem Staat schreien, sage ich nur: Schreien Sie nicht nach denen. Verantwortung und Schadensersatz werden die Politiker und Beamten dafür nie zahlen. Wie soll ich ihnen die Verantwortung für meine Nahrungsmittel in die Hand geben?

Wir alle sind dabei, tausend Jahre alte zivilisatorische Errungenschaften zu verraten. Ich war kürzlich bei einer Salamiprobe im Saarbrücker Fachgeschäft „apero“, wo wir Salamis unterschiedlicher Preisklassen probierten. Dazu gab es Infos und Videos. Als ein Video über die Produktion der Billigsalamis gezeigt wurde, mussten wir uns alle setzen. Dies hielt kein Schwein aus.

Und kommen Sie mir nicht mit dem Geld. Die, die keines haben, für die habe ich – in Zusammenarbeit mit der Völklinger „Tafel“ – ein Buch geschrieben, wie man mit ein paar Euro anständig kocht: Koch doch einfach! Und es gibt einige weitere Bücher zu diesem Thema. Viele bezahlen gerne viel Geld für eine Eintrittskarte ihres Superstars, für ihre elektronischen Lieblinge oder wie gesagt für ihr Motoröl!

Schon Hippokrates hat es uns mit auf den Weg gegeben: „Das Essen sei deine Medizin, und die Medizin sei dein Essen!“ Er hat nicht gesagt, wir sollen billig essen, was nur reingeht – und uns dann mit Magenbitter vollkippen.

1 Comment

  1. Sehr geehrter Herr Klöckner,
    ich habe Ihren BLOG-Eintrag mit großem Interesse gelesen, da mich Ernährung (nicht zuletzt berufsbedingt) auch sehr interessiert. Ich habe jedoch auch was den „Verbraucher“ angeht einen weiteren Standpunkt der oft in Berichten über das Konsumverhalten übersehen wird.

    Warum konsumieren Leute was sie konsumieren? Bei den Lebensmitteln halte ich diese Antwort für sehr einfach. Noch nicht vor allzu langer Zeit war Essen ein Luxus-Gut. Und wer sich viel Essen leisten konnte war halt jemand. Diesen Ansatz hat sich die Industrie natürlich zu nutze gemacht und nach und nach Lebensmittel erschwinglicher gemacht. Das war ja auch kein Prozess der von Heute auf Morgen stattgefunden hat sondern nach und nach. Und selbstverständlich wurden die Konsumenten langsam an dieses sinkenden Preise herangeführt und auf einmal: SIEHE DA!!!!! konnte sich fast jeder ein Steak leisten…..

    Jahrelang hat dieser unwürdige Umgang mit Lebensmitteln niemanden Interessiert, aber jetzt wo die Medien voll von den Helden unserer Zeit sind:“Den Spitzenköchen dieser Republik“ wird es auf einmal zu einem Massenthema das jeden interessiert. Und das ist auf der einen Seite auch gut so! Aber leider wird nicht jeder diesen Weg…Zurück zu den Wurzeln…zurück zum Ursprung unserer Nahrungsmittel mitgehen.
    Es ist zwar richtig dass gesunde Ernährung nicht sehr schwierig ist… aber die Jahrzehntelange Versorgung mit Fertigprodukten, Geschmacksverstärkern, Pulversoßen etc… hat den Konsumenten auch träge gemacht.
    Und man weiß ja mittlerweile auch, dass Pferdefleisch in der Lasagne noch eine der gesünderen Zutaten für ein solches Produkt ist. Viele Produkte sind mit weitaus schlimmerem bestückt um die Käufer dazu zu bewegen sie immer wieder zu kaufen oder zu Essen.

    Bestes Beispiel ist hierfür eine der größten Nahrungsmittel- Lügenmaschinerien die schlechtes Essen in pappigem Brot als kulinarisches Highlight verkaufen und damit auch noch so erfolgreich ist, dass sich ein vermeintlicher Spitzenkoch auch noch dafür hergibt für sie zu werben.
    (Übrigens: Dass ihn das nicht Kopf und Kragen gekostet hat zeigt bis wohin der Bürger schon abgestumpft ist)

    Und all das ist neben der Tatsache, dass ein gutes Stück Fleisch vom Bauern nebenan im Preis selbstverständlich um ein Vielfaches höher liegt als das eines Discounters auch mit ein Grund weshalb zwar glücklicher Weise für viele die Rückkehr zur „Natürlichkeit und Reinheit“ der Lebensmittel der einzige Ausweg ist, für viele andere jedoch der jetzige Zustand billigend in Kauf genommen wird.

    Ich bin froh dass ich selbst auch einen Beitrag dazu leisten kann in dem ich zusammen mit meinen Mitarbeitern und meinen Lieferanten genau diesen Weg gehe.

    Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit,

    Torsten Frischbier

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